Domino-Effekt: Warum mein Hund Vertrauen statt Leckerlis braucht

Oh, er wird so dankbar sein!

Wie so viele andere Menschen hatte ich schon immer den grossen Traum von einem vierbeinigen Begleiter. Wir lebten bereits fast zwei Jahre in der Schweiz und bei jeder Wanderung musste mein Mann sich anhören, wie toll es jetzt noch wäre, einen Hund dabei zu haben.

Ein Rucksack voller Unsicherheiten

Da ich bereits für eine Tierschutzorganisation gearbeitet hatte, wusste ich, wie sich erfolgreiche Vermittlungen anfühlen. Zu sehen, dass diese armen Seelen endlich geliebt werden, da lag es nah, dass auch ich diese romantische Vorstellung Realität werden lassen wollte.

Gesagt, getan. Ich verliebte mich schnell und flog direkt nach Griechenland, um Domino und seinen Bruder zu holen. Die Reise war mit meiner Flugangst sowieso schon schwierig, aber das Schlimmste war zu sehen, wie vor Ort mit den Hunden umgegangen wurde.

Nun waren sie also da, die beiden. Ängstlicher als erwartet. Hunde aus dem Tierheim oder von der Strasse müssen doch dankbar sein und das Leben in einem tollen Land wie der Schweiz zu schätzen wissen, oder? Das war zumindest meine romantische Vorstellung.

Unsicherheit ist kein Fehler

Die Wahrheit war: Wir konnten zwei Wochen lang keinen Spaziergang machen. Ich musste Domino tragen. Sein Bruder wurde nach drei Wochen wie geplant weitervermittelt – erst da konnte ich mich wirklich fokussieren. Davor war es schier unmöglich, mit beiden zu arbeiten. Domino blockierte anfangs fast dauerhaft, machte keinen Schritt und zeigte jedes Geräusch in der Wohnung durch Bellen an. Das zehrte an den Nerven. Drei schlechte Trainer und viele Tränen später musste ich mir eingestehen: Unsicherheit ist kein Fehler. Es war zu diesem Zeitpunkt sein Charakter. Was er brauchte, war Sicherheit, Management und Geduld. Eine harte, aber wichtige Lektion.

Der Wendepunkt: Den «Kontrollfreak» verstehen*

Mit diesem Eingeständnis und der Arbeit an mir selbst ging es bergauf. Ich lernte, wer er wirklich ist: Ein Herdenschutzhund-Mix, der seine Umgebung kontrollieren muss, um sich sicher zu fühlen. Da draussen aber meistens viel los war, kostete ihn die Verarbeitung der Reize unglaublich viel Kraft. Training musste warten, Ruhezeit war wichtiger.

Als Domino ein Jahr alt war, wagten wir den Schritt in die Hundeschule. Er orientierte sich stark an anderen Hunden und wurde trotz der vielen Menschen selbstsicherer.

Parallel dazu lernte ich durch den Austausch mit den Besitzern von Dominos Geschwistern sowie den Austausch online extrem viel über Körpersprache. Ich begriff, wie oft wir Menschen unsere Hunde missverstehen. Mein «Kontrollfreak» brauchte Management durch körperliche Signale statt durch Worte. Wie ich, war auch er ein grosser Beobachter.

Unser neuer Alltag: Körpersprache statt Leckerli

Ehe wir uns versahen, orientierte er sich an uns. Leckerlis? Keine Chance, er nahm draussen nichts an. Aber das war kein Problem. Er lernte: Ich regle, ich kommuniziere, ich interveniere. Wir bauten eine instinktive Verbindung auf. Auch heute noch wird er in brenzligen Situationen nervös, aber er bleibt bei mir. Er vertraut.

Rudelglück: Wenn sich Dynamiken ergänzen

Domino und ich verstehen uns auch deshalb so gut, weil wir ähnlich ticken: Beides Sensibelchen, beide sehr reizempfänglich und -empfindlich. Doch ich merkte auch meine Grenzen: Ich konnte ihm nie das Selbstbewusstsein geben, das ein souveräner Hund ausstrahlt.

Mit Delia wurde unser Rudel 2025 komplett. Zwei sensible Seelen haben ihre zwei souveränen Partner gefunden (mein Mann und Delia gleichen sich da sehr). Wenn du mehr über unseren Weg als Team und die unterschiedlichen Charaktere von Domino und Delia erfahren möchtest, schau dir gerne unsere «Über Uns«-Seite an.

Delia ist meine «Co-Trainerin». Sie hilft Domino bei Besuch, bei gruseligen Maschinen oder in der Stadt. Domino wird seine Unsicherheit wohl nie ganz ablegen, aber wir sind an einem Punkt, an dem er das Leben trotzdem geniessen kann.

An alle, die adoptieren möchten: Tut es!

Ich möchte euch nicht verschrecken. Ja, der Beginn war schwer. Aber Domino ist der treueste Begleiter und ein toller Hund, der alles richtig machen will. Adoptieren lohnt sich allemal! Spätestens Delia hat das bestätigt: sie wäre der perfekte Erst- und Familienhund, trotz ihrer Vergangenheit auf der Strasse. Please adopt!

*Bitte beachte: Es handelt sich hier um keine Trainingstipps, sondern um eigene Erfahrungen. Ich empfehle dir dringend, Baustellen mit deinem Hund immer mit einer Fachperson anzuschauen. Nicht jeder Hund ist gleich.

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